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8 von 10 für IT ausgegebene Dollar sind Dead Money


Anbieter sehen einen Trend zu Cloud Computing und Virtualisierung – Den CIOs ist das Cloud Computing zu "wolkig"
Cloud Computing zu einer Art Sozialisierung der IT führen


(24.02.09) - Wie unterschiedlich IT-Entscheider auf aktuelle Herausforderungen reagieren werden, ist auf der 15. Internationalen Handelsblatt Jahrestagung "Strategisches IT-Management" Ende Januar in München deutlich geworden: Anbieter wie der "Software on demand"-Pionier Salesforce und der Infrastrukturausrüster Cisco propagierten vor den rund 300 Teilnehmern einmal mehr den Trend zu Cloud Computing und Virtualisierung. Sie erwarten neue internetbasierte Geschäfts- und Wertschöpfungsmodelle und forderten eine erneute Definition des Infrastruktur- und Applikationsmanagements.

Anbieter wie Anwender seien gut beraten, ihre Strategie für den Umgang mit neuen Herausforderungen aufzusetzen. IT-Verantwortliche zeigten sich dagegen skeptisch: CIOs von unter anderem Lufthansa, Daimler und Evonik stellten auf der Handelsblatt Tagung ihren IT-Fahrplan 2009 vor und betonten, dass gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten klassische IT-Management-Instrumente mindestens den gleichen Stellenwert hätten wie virtualisierte Anwendungen und neue Netzverfahren.

Cloud Computing: Industrie steht noch am Anfang
Lindsay Armstrong erwartet, dass Cloud Computing zu einer Art Sozialisierung der IT führen wird. Wie die Salesforce-Europachefin auf der Handelsblatt Jahrestagung erklärte, könne jeder Kunde, ob privat oder geschäftlich, ob mit großem oder kleinem IT-Budget, die Software ohne Hardware-Investition nutzen und sie schnell, sicher und kostengünstig in jedem Geschäftsmodell einsetzen. Gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklungen im Finanz- und Wirtschaftssektor sei es hilfreich, ohne Risiko entweder in den Gebrauch neuer Anwendungen oder in die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle auf Basis partizipativer Software einzusteigen. Die derzeitige Krise verändere mittel- und langfristig nahezu alle etablierten Strukturen. Kundenbedürfnisse, Wettbewerber und Geschäftsmodelle würden einem radikalen Wandel unterzogen. Darum brauche auch die in Unternehmen eingesetzte Technologie einen Relaunch.

Acht von zehn für IT ausgegebene Dollar sind "dead money"
Alle Betreiber von Netzen, Unternehmen und Communities sollten sich die Frage stellen, ob ihre Infrastruktur elastisch genug ist, um dem derzeitigen und dem künftigen Ansturm an Anwendungen zu begegnen, so Armstrong weiter. Gleichzeitig gab sie zu bedenken, dass laut Gartner weltweit acht von zehn für IT ausgegebene Dollar "dead money", also überflüssig ausgegebenes Geld, seien. Überhaupt habe Technologie immer noch eine viel zu hohe Einstiegshürde mit immensen Kosten für Hardware, Infrastruktur und Software.

Cloud Computing könne hier Abhilfe schaffen. Nach dem Motto "weniger ist mehr" würden geringere Kosten zwangsläufig zu schnellerer Amortisation führen. Das sei vor allem in den künftig sehr kundenzentrierten Märkten wichtig, wo netzaffine Anwender anzusprechen seien, die das Internet immer aktiver und integrierter nutzen. Laut Gartner werde schon bis 2012 ein Drittel aller geschäftlichen Applikationen über die Cloud verarbeitet. Und IDC zufolge bietet das Cloud-Modell eine viel preiswertere Methode für den Kauf und die Nutzung von IT als klassischer Software- und Serviceerwerb. Mit geringeren Kosten sowie höherer Kooperationsrate mit Partnern und Kunden würden auch die Budgets wieder wertvoller. Weiterer Vorteil: Bisher nicht verfügbare Technologien und Innovationen kommen mit Cloud Computing endlich auf den Markt, weil sie nicht wie im herkömmlichen Ansatz erst geplant, getestet, implementiert und geschult werden müssen.

Die Industrie stehe erst am Anfang des Cloud Computing, so Armstrong weiter. Künftig werde es unterschiedliche Arten von Clouds geben: solche für Applikationen, solche für Entwicklungsplattformen und andere für Infrastrukturdienste wie Basisservices oder Speicherlösungen. Bereits heute habe Salesforce über 600 Partner auf der Entwicklungsplattform AppExchange.

Mobilität heißt: Arbeiten statt arbeiten gehen
Padmasree Warrior, CTO bei Cisco Systems in San Jose, USA, stellte fest, dass IT-Verantwortliche angesichts der Wirtschaftskrise vor großen Herausforderungen stehen. Sie müssten Werte schaffen mit niedrigen Budgets, die richtigen Talente finden und gleichzeitig ihren Stellenwert neu definieren – vom Cost Center zum Garant für Flexibilität und Geschwindigkeit. Parallel dazu verändere sich die Arbeitswelt: "In den Unternehmen entstehen Expertencluster, Beschäftigte müssen die Fähigkeit ausbilden, mit unterschiedlichen Medien simultan und wertsteigernd für das Unternehmen zu arbeiten." Und das alles möglichst mobil: "Wir arbeiten heute statt arbeiten zu gehen." Das führe zum so genannten "Connected Life", in dem das mobile Internet jederzeit und überall verfügbar sei, wo Inhalte nicht mehr besessen, sondern geteilt würden und Video Communications nicht mehr nur mobiles Internetfernsehen, sondern visuelles Networking bedeute.

Die Kapazität des Internet müsse hierfür weiter wachsen. "War das Netz zuerst nur ein Transport-, später dann Nachrichten- und schließlich Informations- und Unterhaltungsmedium, entwickelt es sich nun zu einer Media Experience Machine", so Warrior. Mit der Virtualisierung komme auch das Cloud Computing wieder ins Spiel: "Hier werden einfache Stand-alone-Clouds ebenso Bedeutung haben wie Enterprise Class Clouds für das Management virtueller Server und einzelne Anwendungsinseln zusammenfassende Inter-Clouds."

AMD: "Es gilt, die nächsten fünf Monate zu überleben"
"Alle reden über die nächsten fünf Jahre – wichtiger ist es, die nächsten fünf Monate zu überleben", mahnte Nigel Dessau, Senior Vice President und Chief Marketing Officer des US-Chipproduzenten AMD. Die Chipindustrie befinde sich derzeit am Scheideweg: Künftig würden Chipsets über Energieeffizienz, Mobilität, Input-/Output-Optimierung und Videoqualität verkauft und nicht mehr ausschließlich über die reine CPU-Leistung. Das werde die Art verändern, wie Anwender Technologie nutzen – und schon kurzfristig zur nächsten Stufe der gegenwärtig populären Netbooks führen, den so genannten "Cloud Ready Clients".

CIOs und ihre Agenda 2009
Thomas Endres, CIO der Lufthansa AG, verwies ähnlich wie Cisco-Managerin Warrior auf ein schwieriges Umfeld, vor dessen Hintergrund sich auch die IT der Frankfurter Fluggesellschaft bewähren müsse. "Der Konzern ist in heftigster Bewegung." Ein Flotten-Rollover stehe bevor, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Prozesse, und aufgrund der schwankenden Kerosinpreise ließen sich Strecken und Geräte nur schlecht kalkulieren. Die Finanzkrise biete enorme Konsolidierungschancen und -risiken. Daraus ergeben sich Endres zufolge drei Herausforderungen: Betriebs- und Prozessstabilität für ein Unternehmen, das sich derzeit neu erfindet, Kostenmanagement und gezieltes Innovationsmanagement.

Klaus Strumberger, IT-Chef der MLP Finanzdienstleistungen AG, setzt in seinem Unternehmen auf IT-Unterstützung der Kernprozesse und auf optimale Fertigungstiefe. Das bedeute Standardisierung und einen konsequenten Ausbau der Kollaboration mit Produzenten. Für Michael Gorritz, CIO der Daimler AG, steht Innovation ganz oben auf dem Arbeitsplan. Allerdings sollte der Fokus auf Kostensenkungen liegen. Cloud Computing sieht Gorritz eher als Chance, etwas für die Nutzertransparenz zu tun. Und der Stuttgarter führt weiter aus: "Was ich an Cloud-Anwendungen gesehen habe, läuft stabil. Aber ich kenne noch keine beherrschbaren Schnittstellen, über die ich Cloud Computing kontrollieren kann."

Diskussion um Wertbeitrag der IT geht weiter
Wie einige der Referenten beschäftigt sich auch Jochen Gintzel, CIO des Essener Chemie-, Energie- und Immobilienunternehmens Evonik Industries, mit der Frage nach dem Wertbeitrag der IT. Nicht nur sei es schwierig, diesen zu messen, auch an der Wahrnehmung bei den Fachbereichen müsse gearbeitet werden: "Deren Leiter wissen oft nicht einmal, was die IT ihnen liefert." Gintzels Lösung sind Prozessoptimierung und Harmonisierung: "Wir haben die Shared-Service-Prozesse analysiert und Muster-Prozessketten aufgesetzt. Aber es ist ein heißes Thema, da man anspruchsvolle, aber realistische Ziele definieren muss, um nicht das Geschäft zu verlieren. Erfolg hat nur, wer die Geschäftseinheiten dazu überredet, an einem Prozess-Championship teilzunehmen."

Für Gerd Wolfram, Geschäftsführer der Düsseldorfer Metro Group Information Technology GmbH, gibt es keinen Zweifel am kommunizierbaren Nutzen der IT: "Wir können sehr wohl einen Wertbeitrag stellen." Zwar könne er keinen Nachweis erbringen, dass sich "mit IT mehr Joghurtbecher verkaufen lassen". Aber mit standardisierten Systemen, die den Konzern bei seiner Expansionsstrategie unterstützen, einer harmonisierten Prozesslandschaft, Eigenentwicklungen wie einem webbasierten und weltweit einsetzbaren Warenwirtschaftssystem und innovativen Handelstechniken "können wir uns im Vorstand durchaus sehen lassen".
Als einen "hilflosen Fluchtpunkt" bewertet dagegen Andreas Resch die Annahme, IT-Abteilungen könnten einen Wertbeitrag schaffen, statt Kostenfaktor zu sein. Der ehemalige Chairman of the Executive Board bei Bayer Business Services und jetzige Managing Partner bei MODALIS Management stellte auf der Handelsblatt Tagung fest: "Mit dieser Argumentation kommt man nicht aus dem Dilemma heraus. Niemand kann einen separaten Wertbeitrag identifizieren. Oft wird man erleben, dass erst ein Rückbau der IT zu positiven Ergebnissen führt."

Überhaupt laufe "in unserem Berufsbild einiges schief", so Resch weiter. Die "IT" als solche gebe es nicht: "Alle Sätze, die mit ‚die IT’ anfangen, sind schon der Beginn einer großen Lüge, denn sie sind entweder abstrakt oder falsch." Informationstechnik habe sich mittlerweile ausdifferenziert, sei es als Supportfunktion, im Produkterstellungsprozess oder als Produktbestandteil. Auch der Begriff vom IT-Budget sei Unfug. "Solche Budgets bestehen aus zwei disparaten Teilen, die zusammen nicht gesteuert werden können: aus dem Run-Bereich und dem kleiner dimensionierten Veränderungsprozess." In beiden Sektoren spielten jeweils andere Kategorien eine Rolle. Vor allem: "Das IT-Budget" sei nicht eine Geldmenge, die ein CIO verwalten könne, sondern das Geld, was andere ihm gegeben hätten, um damit zu arbeiten. "Wer das anders sieht, hat schon einen weiteren Denkfehler begangen."

Anwender rücken ins Zentrum der IT – unter neuen Vorzeichen
Lösungsansätze sieht Resch in einem geänderten Selbstverständnis: "Die Rolle als Herren der Rechenzentren, das war einmal. CIOs müssen Shared Services als ihr Metier betrachten, also die jahrzehntelange Trennung zwischen IT und Fachabteilung aufheben." Wichtig sei daneben das Stichwort "Consumerisation": "Wir konnten jahrelang darauf vertrauen, dass das Zentrum der Innovation innerhalb der Unternehmen lag. Heute steht das Innovationszentrum für Software draußen bei den Kunden, und wir müssen uns fragen, wie wir mit dem dort herrschenden Innovationsrhythmus mithalten können."

In der IT halten sich Klassik und Avantgarde noch die Waage
Was passiert, wenn ein Manager als CIO neu in ein Unternehmen einsteigt und zur Wertsteigerung beitragen soll, beschrieb Harry Lammich, IT-Verantwortlicher der Ratiopharm GmbH. IT-Strategie ist für Lammich in erster Linie Transformation. Um diese erfolgreich durchführen zu können, müssten allerdings bereits vor der Auftragsvergabe die Unternehmensziele möglichst eindeutig definiert sein. Zu klären sei auch, ob es in den jeweiligen Geschäftseinheiten Prozesse gebe, die ähnlich gut strukturiert seien und abgeglichen werden könnten. Sind gut strukturierte Daten vorhanden, aus denen sich beispielsweise ein Dashboard mit aktuellen Performance-Zahlen für den CEO herstellen lässt? "Erst wenn Sie auf diese und einige weitere Fragen Antworten haben, können Sie Ihr "big picture" zeichnen und klare Vorgaben für die Umsetzung machen."

IT kann viele Löcher stopfen
Andreas Ziegenhain, Deutschland-Geschäftsführer der Siemens IT Solutions and Services (ITSS), ist ein weiterer Vertreter klassischen Vorgehens: "Umsatz rauf und Kosten runter", postulierte Ziegenhain und forderte: "Das muss die IT unterstützen." Dienstleister sollten daher mit Lösungen für Konsolidierung, Standardisierung und Globalisierung aufwarten. Als Beispiel nannte Ziegenhain das Lösungsgeschäft im Bereich kompletter Konstruktions- und Fertigungssteuerung. ITSS habe im Mai 2007 die UGS Corp. übernommen und habe seitdem mit Teamcenter eine eigene Softwareplattform, um Product Lifecycle Management zukunftsorientiert anbieten zu können. Damit ließen sich Prozessketten besser auslagern, Zulieferer einbauen und Prozessinnovationen durchführen. Ziegenhains Fazit: "Heute muss ein neues Automodell spätestens innerhalb von zwei Jahren, besser noch unterjährig auf den Markt kommen – Variantenvielfalt inklusive. Wenn wir das realisieren können, schaffen wir einen klaren Wertbeitrag durch IT. Insgesamt gibt es jede Menge Probleme, die die Marge drücken, aber IT kann viele dieser Löcher stopfen." (Autor: Konrad Buck, Euroforum: ra)

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